Das britische Startup Humanoid hat am 21. Juli eine Series-A-Runde über 152 Millionen Dollar bekanntgegeben, bei einer Bewertung von 1,35 Milliarden Dollar nach dem Investment. Damit ist Humanoid nach eigener Darstellung Europas erstes reines Humanoid-Einhorn, also das erste ausschließlich auf Humanoide spezialisierte Unternehmen des Kontinents mit einer Milliardenbewertung. Insgesamt hat die Firma jetzt 270 Millionen Dollar aufgenommen.
Wir kennen Humanoid schon. Im Januar habe ich ihren HMND 01 Alpha von der CES beschrieben, damals mit 20.500 Vorbestellungen und einer Fabrik-Demo am Schaeffler-Stand. Ein halbes Jahr später steht die Firma bei 34.000 Vorbestellungen im Wert von 2,4 Milliarden Dollar und neun industriellen Deployments mit Fortune-500-Unternehmen. Das Wachstum ist real, und die Zahlen sind konkreter als bei den meisten Wettbewerbern.
Die Investorenliste ist die eigentliche Nachricht
Angeführt wird die Runde von Prime Movers Lab. Interessanter sind die anderen Namen. Schaeffler ist dabei. Bosch ist dabei. Dazu Fubon Financial Holding Venture Capital und Aglaé Ventures, der Investmentarm der Familie Arnault.
Bosch und Schaeffler. Genau die beiden deutschen Industriegrößen, die vor sechs Wochen bei Neuras 1,4-Milliarden-Runde als Co-Investoren mitgezeichnet haben. Jetzt stehen sie auch bei einem britischen Konkurrenten im Kapitaltisch. Das ist die Beobachtung, die diesen Deal von einer weiteren Funding-Meldung unterscheidet.
Damals, im Neura-Post, habe ich geschrieben, dass die Co-Investition von Bosch und Schaeffler bedeute, das deutsche Industrie-Ökosystem konsolidiere sich um Neura als Zentrum. Diese Lesart muss ich jetzt korrigieren. Bosch und Schaeffler setzen nicht auf ein Pferd. Sie setzen auf mehrere. Neura in Deutschland, Humanoid in London, und Schaeffler hat obendrein den HMND 01 seit Monaten in der eigenen Fabrik im Test.
Das ist eine andere Strategie, als ich im Juni angenommen habe, und bei näherem Hinsehen die klügere. Ein Industriezulieferer, der nicht weiß, welche Humanoid-Plattform sich durchsetzt, investiert in mehrere und sichert sich so den Zugang zur Technologie, egal wer gewinnt. Für Bosch und Schaeffler geht es nicht darum, einen nationalen Champion zu küren. Es geht darum, in ihren eigenen Fabriken die besten Roboter zu haben und bei den Herstellern früh genug drin zu sein, um mitzureden.
Was Humanoid von anderen unterscheidet
Der HMND 01 ist ein rad-basierter Industrie-Humanoid, entwickelt in Rekordzeit mit massivem Einsatz von Nvidia-Simulation. Das habe ich im Januar ausführlich beschrieben, und es gilt weiter. Humanoid verspricht nicht das autonome Wohnzimmer, sondern liefert einen fahrbaren Manipulator für Lager, Fertigung und Handel. Die Beta-Version soll im vierten Quartal 2026 ausgeliefert werden.
Die Partnerliste ist beeindruckend. Neben Bosch und Schaeffler nennt Humanoid Partnerschaften mit SAP, Nvidia und Siemens. Das ist eine sehr europäische, sehr industrielle Aufstellung. Wer SAP, Siemens, Bosch und Schaeffler an Bord hat, spielt nicht auf den Consumer-Markt, sondern auf die europäische Industrie. Genau dort, wo die Umgebung strukturiert ist und die Roboter heute schon funktionieren.
Die 34.000 Vorbestellungen sind mit der gleichen Vorsicht zu lesen wie immer. Eine Vorbestellung ist kein Verkauf, und 2,4 Milliarden Dollar Auftragswert sind eine Absichtserklärung, keine Bilanz. Bei den UBTECH-Vorbestellungen habe ich das gleiche gesagt. Trotzdem ist die Zahl bei einem Industrieprodukt aussagekräftiger als bei einem Consumer-Gadget, weil Fortune-500-Unternehmen keine 34.000 Roboter aus einer Laune heraus reservieren.
Warum die SPAC-freie Runde ein gutes Zeichen ist
Anders als Agility, das gerade über eine SPAC an die Börse geht, hat Humanoid klassisches Venture-Kapital eingesammelt. Eine Series A mit echten Lead-Investoren und industriellen Strategen durchläuft eine andere Prüfung als eine SPAC-Fusion. Das heißt nicht, dass die 1,35 Milliarden Bewertung garantiert gerechtfertigt sind, aber es heißt, dass professionelle Investoren mit Zugang zu den Zahlen sie für vertretbar halten. Das ist ein solideres Signal als eine ausgehandelte SPAC-Bewertung.
XONOID FAZIT
Für den europäischen Robotik-Standort ist das eine gute Nachricht, und für meine eigene Einordnung eine notwendige Korrektur. Ich hatte Neura im Juni als das Zentrum eines sich konsolidierenden deutschen Ökosystems beschrieben. Richtiger ist, dass Bosch und Schaeffler bewusst mehrgleisig fahren und in mehrere europäische Humanoid-Firmen gleichzeitig investieren. Das ist keine Zersplitterung, das ist Risikostreuung von zwei Konzernen, die genau wissen, dass sie den Gewinner heute noch nicht kennen.
Europa hat damit nicht mehr nur Neura als glaubwürdige Antwort auf die USA und China, sondern mindestens zwei ernstzunehmende Spieler, dazu das französische UMA und einige kleinere. Das ist deutlich mehr als noch vor einem Jahr, und es entsteht auffällig schnell. Was fehlt, ist weiterhin der Beweis in Stückzahlen. Vorbestellungen und Bewertungen sind das eine, ausgelieferte und zuverlässig arbeitende Roboter das andere. Das vierte Quartal 2026, in dem Humanoid die Beta ausliefern will, wird der erste echte Test.
Was mich an der ganzen Sache am meisten interessiert, ist die Rolle der deutschen Industrie. Bosch und Schaeffler sind keine Finanzinvestoren, die auf eine Rendite spekulieren. Sie sind Fabrikbetreiber, die wissen wollen, welcher Roboter in ihren Hallen funktioniert. Wenn beide gleichzeitig in Neura und Humanoid investieren, ist das das ehrlichste verfügbare Urteil darüber, welche Firmen im europäischen Industrieeinsatz eine echte Chance haben. Die beiden wetten mit ihrem eigenen Werksbetrieb, nicht nur mit Geld. Das nehme ich ernster als jede Analystenprognose.
Quellen
