Forscher der University of California in San Diego haben am 8. Juli in Nature eine Studie veröffentlicht, die durch die ganze Robotik-Presse gegangen ist. Ein umgebauter Unitree G1, im Projekt Surgie genannt, hat eine laparoskopische Gallenblasenentfernung durchgeführt. Der Roboter hat Gewebe zurückgehalten, präpariert, geclippt und die Gallenblase aus dem Leberbett gehoben. Alles Schritte, die in einer echten Cholezystektomie vorkommen.
Bevor diese Schlagzeile ihr Eigenleben entwickelt, gehören drei Präzisierungen dazu, die in vielen Berichten untergehen. Erstens, der Patient war ein Schwein, nicht ein Mensch. Es handelt sich um eine In-vivo-Operation an lebenden Schweinen, nicht um einen klinischen Eingriff. Zweitens, der Roboter war voll ferngesteuert. Menschliche Chirurgen haben jeden Schritt per Teleoperation ausgeführt. Drittens, der G1 hing an Sicherungsseilen. Das ist kein autonomer Chirurg, das ist ein sehr fähiges ferngesteuertes Werkzeug in Menschengestalt.
Und trotzdem, oder gerade deswegen, ist die Studie bemerkenswert.
Warum das ein echter Fortschritt ist
Der Punkt der Studie ist nicht, dass ein Roboter selbständig operiert. Der Punkt ist, dass ein Allzweck-Humanoid für rund 19.700 Dollar eine Aufgabe übernehmen kann, die bisher hochspezialisierten Systemen vorbehalten war. Das Da-Vinci-System, der Standard in der roboterassistierten Chirurgie, kostet ein Vielfaches und ist ausschließlich für Chirurgie gebaut. Surgie basiert auf einem Roboter von der Stange, der eigentlich für ganz andere Dinge gedacht ist.
Das Forschungsteam hat zwei Varianten durchgespielt. Einmal ein Roboter zusammen mit einem menschlichen Chirurgen. Einmal zwei Humanoide, die nebeneinander kollaborativ operieren. Beides zu zeigen ist relevant, weil es andeutet, wohin die Reise gehen könnte. Nicht der eine autonome Roboterchirurg, sondern ein Team aus ferngesteuerten Maschinen, das ein Mensch dirigiert.
Genau hier lohnt der Rückgriff auf einen Post vom Januar. Damals hat Musk im Podcast behauptet, Optimus werde in drei Jahren besser operieren als die besten menschlichen Chirurgen. Der Bioethiker Arthur Caplan nannte das nicht glaubwürdig, mit dem Argument, dass jeder Patient anders ist und die Echtzeit-Anpassung an unerwartete Situationen extrem schwer zu programmieren sei.
Die Nature-Studie bestätigt Caplan, nicht Musk. Und zwar auf eine interessante Art.
Was die Studie über Musks These sagt
Musk hat von einem autonomen Roboter gesprochen, der selbständig besser operiert als ein Mensch. Die Studie zeigt einen ferngesteuerten Roboter, der unter voller menschlicher Kontrolle einen Teil einer OP an einem Schwein ausführt. Das ist genau die Unterscheidung, die sich durch diesen ganzen Blog zieht. Der Roboter macht die Bewegung, der Mensch trifft die Entscheidungen.
Das Bemerkenswerte ist, dass beide Aussagen gleichzeitig wahr sein können. Musk hat übertrieben, was den Zeithorizont und die Autonomie angeht. Gleichzeitig ist der grundsätzliche Weg realer, als Caplan im Januar vielleicht angenommen hätte. Ein Allzweck-Humanoid, der chirurgische Schritte ausführen kann, existiert jetzt als Forschungsergebnis, nicht erst in drei Jahren. Nur eben ferngesteuert und am Schwein.
Der ehrliche Stand ist also: Die Hardware und die Feinmotorik sind weiter, als die Skeptiker dachten. Die Autonomie ist so weit weg, wie die Skeptiker sagten. Das ist kein Widerspruch. Es ist das gleiche Muster wie beim chinesischen Vermietungsmarkt und bei praktisch jedem Deployment dieses Jahres. Die Mechanik überzeugt, die Selbständigkeit fehlt.
Der Teil, über den kaum jemand redet
Es gibt einen zweiten Aspekt, der in der medizinischen Begeisterung untergeht. Das Pentagon hat die Hardware als chinesische Militärtechnik markiert. Der Unitree G1 ist ein chinesischer Roboter, und ein US-Forschungsteam nutzt ihn für medizinische Grundlagenforschung, während gleichzeitig eine Sicherheitsdebatte darüber läuft, ob diese Plattform überhaupt in sensiblen Kontexten eingesetzt werden sollte.
Das ist für den deutschen und europäischen Kontext hochrelevant. Ein ferngesteuerter Operationsroboter überträgt Bilder aus dem Operationssaal und wird über eine Datenverbindung gesteuert. Wenn diese Plattform aus China kommt und die Steuerungssoftware oder die Datenverbindung nicht vollständig kontrollierbar ist, ist das im Krankenhaus ein noch größeres Problem als im Wohnzimmer. Medizinische Daten gehören zu den am strengsten geschützten überhaupt. Ein chinesischer Roboter im OP wirft genau die Souveränitätsfragen auf, die auch bei den chinesischen Industrierobotern und ihrem Geheimdienstgesetz auf dem Tisch liegen.
Quellen
