Vor knapp zwei Wochen habe ich über Figures 50-Stunden-Stream geschrieben. Damals war das eine starke Aussage. Inzwischen ist die Aussage größer geworden, und zwar deutlich.
Was Brett Adcock am 13. Mai als 8-Stunden-Demo angekündigt hatte, lief am Ende 81 Stunden und stoppte erst, weil Figure selbst entschieden hat, abzuschalten. Endstand der ersten Phase: ein einzelner Figure 03 mit Spitznamen Jim, 101.391 Pakete sortiert, kein menschlicher Eingriff, keine Tele-Operation, in den ersten 24 Stunden nicht ein einziger gemeldeter Fehler.
Damit wäre die Geschichte schon eine Nummer. Aber sie endet hier nicht. Eine Woche später hat Figure den Lauf in einer zweiten Runde fortgesetzt und am 26. Mai eine neue Zahl in die Welt geschickt. 200 Stunden Dauerbetrieb. Rund 250.000 Pakete. Keine externen Eingriffe, kein Eingreifen aus dem Tele-Op-Stuhl, keine Resets. Adcock postet seitdem fast täglich neue Statusbilder.
Vor zwei Wochen war 50 Stunden die Diskussionsgrenze. Jetzt sind es 200. Das ist ein Faktor vier in 14 Tagen.
Was sich nicht geändert hat, ist der Verdacht. Ein Live-Stream ist Marketing. Figure entscheidet, was gezeigt wird, wann das Video läuft, welche Aufgabe der Roboter macht und wie die Halle ausgeleuchtet ist. Pakete sortieren ist eine sehr freundliche Aufgabe. Gleiche Beleuchtung, gleicher Bodenbelag, vorhersehbare Objekte, kein Hund, der den Roboter umrennt. Wer nur das Video gesehen hat, sollte sich nicht in die Vorstellung verlaufen, der gleiche Roboter würde in einer Wohnung 200 Stunden ohne Eingriff funktionieren.
Was sich geändert hat, ist die Größenordnung. Acht Stunden waren ein Industrie-Schicht-Beweis. Achtzig waren ein Wochenende-Beweis. Zweihundert sind eine ganz andere Klasse. Wenn Figure das tatsächlich ohne Eingriff durchziehen kann, ist Helix-02 das erste neuronale Robotik-Modell, das einen mehrtägigen Industrieeinsatz nicht nur theoretisch verkraftet, sondern praktisch.
Helix-02 als Architektur ist seit dem Bett-Demo bekannt. Eine einzige Vision-Language-Action-Pipeline, die Wahrnehmung, Berührung, Körpergefühl und Ganzkörper-Steuerung in einem Modell zusammenführt. Sehen und Handeln sind nicht getrennt, sondern ein einziges trainiertes Netz. Bei der Bett-Demo hat das gereicht, um zwei Roboter ohne explizite Kommunikation eine Decke glatt ziehen zu lassen. Bei den 200 Stunden in Sortierung reicht es, um ein einziges Modell ohne Resets durchzufahren.
Nebenher hat Figure noch eine zweite Sache gezeigt, die fast untergegangen ist. Ein zehnstündiges Mensch gegen Roboter-Rennen in der gleichen Sortier-Aufgabe. Drei Helix-02-Roboter gegen menschliche Sortierer in der gleichen Halle. Ergebnis laut Figure: die Roboter waren am Ende vergleichbar schnell wie ein durchschnittlicher menschlicher Sortierer, etwa drei Sekunden pro Paket. Das ist die Zahl, die Brett Adcock immer wieder nennt, und sie ist jetzt zumindest in einer Halle gegen Menschen gemessen.
Ich finde diese zweite Demo ehrlich gesagt fast interessanter als die 200 Stunden. Geschwindigkeit auf Augenhöhe ist die Bedingung, unter der ein Logistik-Center überhaupt anfängt zu rechnen, ob Roboter wirtschaftlich sein können. Wenn der Roboter halb so schnell ist wie ein Mensch, kostet er doppelt. Wenn er gleich schnell ist und 200 Stunden am Stück durchläuft, ohne Krankheitstage, Pausen oder Schichtwechsel, sieht die Kalkulation komplett anders aus.
Für Lagerlogistik ist die Story damit weiter als vor zwei Wochen. Für Heimroboter weiterhin nicht. Sortieren ist die einfache Disziplin. Eine fremde Küche bei wechselndem Licht mit verstreuter Wäsche ist die andere Größenordnung. Wer 200 Stunden Paketsortierung als Beweis dafür liest, dass Helix-02 morgen in der Wohnung funktioniert, missversteht den Stream. Was er beweist, ist Robustheit in einer engen Domäne. Generalisierung beweist er nicht.
Trotzdem rückt die Branche ein gutes Stück weiter. Vor sechs Monaten waren Demo-Clips von ein paar Minuten der Standard. Jetzt redet Figure öffentlich von Hunderten Stunden Dauerbetrieb. Wenn der Trend so weiterläuft, bekommen wir bis Herbst sehr wahrscheinlich den ersten kommerziellen Sortier-Einsatz, der nicht mehr als Pilotprojekt etikettiert wird, sondern als bezahlte Dienstleistung gegenüber einem externen Kunden.
Quellen
