Es ist einer dieser Momente, die im ersten Augenblick fast zu klein wirken, um wichtig zu sein. Ein humanoider Roboter, gerade einmal 80 Zentimeter groß, verschwindet in einem normalen Rucksack. Kein Showroom, kein Industrieeinsatz, keine große Bühne. Und doch könnte genau dieses Gerät mehr Einfluss auf die Zukunft der Robotik haben als mancher Zwei-Meter-Humanoid mit Millionenbewertung.
Der AGIBOT Q1 ist weder Haushaltsroboter noch Industriearbeiter. Er ist ein Werkzeug. Und genau darin liegt seine Stärke.
Ein Humanoid als tragbares Labor
AGIBOT selbst nennt den Q1 ein „Backpack Lab“. Die Beschreibung ist erstaunlich treffend. Der Q1 ist kein Produkt, das Aufgaben erledigen soll, sondern eine Plattform, auf der man ausprobieren, scheitern, lernen und neu anfangen kann, ohne dass jeder Fehler Tausende Euro kostet oder Sicherheitsbedenken auslöst.
Wenn es heute noch extrem schwierig ist, autonome Humanoide zuverlässig zu bauen, warum dann direkt im Vollformat experimentieren? Warum nicht dieselbe Technik in ein kleineres, kontrollierbares Format packen?
Der Q1 überträgt genau diesen Gedanken in Hardware. Alles, was große Humanoide kompliziert macht wie etwa Balance, Greifen und Ganzkörpersteuerung ist hier im Miniaturformat vorhanden. Nur mit deutlich geringerem Risiko.
Mit seinen rund 80 Zentimetern Höhe ist der Q1 ungefähr so groß wie ein Kleinkind. Er nutzt miniaturisierte QDD-Aktuatoren, vollwertige Kraftregelung über den gesamten Körper und eine offene Steuerungsarchitektur. AGIBOT verzichtet dabei bewusst auf das Narrativ der „starken Maschine“. Stattdessen steht Kontrolle im Vordergrund.
Die Plattform ist Open Source: Software, Hardware-Designs, Gehäuse. Wer möchte, kann Teile selbst drucken, anpassen, umbauen oder ersetzen. Der Q1 ist nicht als Blackbox gedacht, sondern als Einladung.
Auch bei der Programmierung geht AGIBOT einen ungewöhnlichen Weg. Statt klassischem Coding setzt man auf ein Zero-Code-Baukastensystem. Bewegungen, Abläufe und Reaktionen lassen sich zusammensetzen, variieren und testen, ohne dass man tief in Robotik-Frameworks einsteigen muss. Das senkt die Einstiegshürde drastisch. Und genau das ist vermutlich kein Zufall.
Der Q1 reiht sich damit in eine kleine, aber wachsende Bewegung ein. Robotik nicht als fertiges Produkt zu verkaufen, sondern als offenes System. Ähnlich wie beim Open-Source-Heimroboter Sourccey steht nicht die perfekte Funktion im Vordergrund, sondern das Verständnis dafür, wie Roboter lernen.
Warum klein hier ein Vorteil ist
Große Humanoide sind beeindruckend. Aber sie sind auch teuer, fragil und unnachgiebig. Jeder Sturz ist ein finanzielles Risiko, jeder Fehler ein potenzieller Totalschaden. Der Q1 kehrt diese Logik um. Er ist darauf ausgelegt, dass er fällt und dass er scheitert. Dass man Dinge ausprobiert, die man sich bei einem 1,70-Meter-Roboter nie trauen würde. Learning by doing quasi.
Für Forschung und frühe Entwicklung ist das ein enormer Vorteil. Simulationen sind hilfreich, aber sie ersetzen keine echte Physik. Der Q1 ist genau diese Brücke denn er ist klein genug, um Fehler zu verzeihen und real genug, um echte Daten zu liefern.
AGIBOT richtet sich mit dem Q1 nicht an Konsumenten, sondern an Menschen, die verstehen wollen, wie Humanoide funktionieren.
An Studierende, die nicht mehr nur simulieren, sondern echte Systeme bewegen wollen. An Entwickler, die Algorithmen unter realen Bedingungen testen möchten und an Enthusiasten, die nicht zuschauen, sondern mitbauen wollen.
Der Q1 ist kein Versprechen für den Alltag. Er ist ein Werkzeug für die Zukunft.
Ein leiser, aber kluger Schritt
Der AGIBOT Q1 wird keine Schlagzeilen machen wie ein humanoider Roboter in einer Fabrik oder ein Prototyp im Wohnzimmer. Aber er könnte langfristig mehr bewirken, denn technologische Durchbrüche entstehen selten dort, wo alles perfekt ist. Sie entstehen dort, wo viele Menschen gleichzeitig experimentieren dürfen. Wo Fehler billig sind und wo das Lernen schneller ist als Marketing.
So wie der Raspberry Pi eine Generation von Entwicklern geprägt hat, könnten Mini-Humanoide wie der Q1 eine neue Generation von Robotik-Ingenieuren hervorbringen.
Der AGIBOT Q1 ist kein isoliertes Produkt. Er ist Teil eines größeren Musters, das sich 2025 klar abgezeichnet hat. Humanoide verlassen die Labore und werden zu Plattformen. Wer den gesamten Kontext verstehen will, findet ihn im XONOID-Jahresrückblick Robotik 2025.
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